Olympia ist etwas Besonderes – Olympischer Friede aber den Bach runter // Gastbeitrag von Peter Helmes

Dabeisein war einmal alles, heute ist es das Geld…

 

Früher – in längst vergangenen Zeiten – lautete das olympische Motto: „Dabeisein ist alles“ und „höher, schneller, weiter…“ Will heißen, es geht, nein es ging um ein gemeinsames Erleben der „Jugend der Welt“ im fairen, sportlichen Wettkampf. Dabeisein war alles. Das klingt heute altbacken, überholt, doof – und trifft auch nicht mehr die Realität.

Trotzdem hat sich „Olympia“ zumindest für die Aktiven einen gewissen Nimbus bewahrt.

Wenn man dabei ist, dann fühlt man, daß es ist wirklich etwas Besonderes ist, was da geboten wird. Es ist einfach eine andere Dimension, ein anderer Geist, ein anderes Gefühl. Es ist, als ob alle mit Olympischen Ringen in den Augen rumliefen. Jedenfalls fühlt man so als Teilnehmer. Und es ist medial gigantisch.

Das Sportliche ist aber nur die eine – natürlich die wichtigste – Seite der Olympiade. Probleme gibt es dabei nicht nur im sportlichen (Stichwort Doping), sondern erst recht im außersportlichen Bereich: Wenn heute die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro offiziell eröffnet werden, richten sich wie schon vor zwei Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft die Blicke auf Brasilien. Aber inzwischen steckt das Land in einer tiefen Krise, die der Rezession und den Korruptionsskandalen geschuldet ist. Das offizielle Motto ’schneller, höher, stärker‘ bezieht sich leider nicht nur auf die sportlichen Höchstleistungen; inzwischen sind auch Lug und Trug maximiert worden.

Gefahren durch Korruption und Terrorismus

 

Schon vor Eröffnung der Spiele gab es viel Kritik an der Infrastruktur. Eine weitere Sorge betrifft die Sicherheit der Veranstaltung angesichts der terroristischen Bedrohung. Und nach den Spielen? Es ist zu befürchten, daß Rio de Janeiro auf den Kosten sitzen bleibt und – wie nach früheren Veranstaltungen – über noch mehr sogenannte „weiße Elefanten“ verfügt: brachliegende Sportstätten in der Stadt, deren Unterhalt Millionen verschlingt.

Rio hat sich wirklich große Mühe gegeben, im vorolympischen Steigerungslauf korrupter, unbeliebter, desaströser an die Spitze zu rennen. Die Mücke, die Zika und anderes überträgt, mag noch als Naturgewalt durchgehen, nicht aber all der Baupfusch, das verdreckte Wasser und andere Umweltsünden, umgesiedelte Menschen, entrechtete Bauarbeiter, der entfesselte Drogenkrieg. Die Welt zuckt mit den Achseln, als ob solche Zustände inzwischen zum unausweichlichen Begleitumstand solcher Mammut-Veranstaltungen gehörten.

Zenit überschritten

In der Tat ist in Rio de Janeiro bei Weitem nicht alles perfekt, aber die Stadt empfängt die ganze Welt mit großer Herzlichkeit. Die Welt sollte dem Gastgeber zumindest mit der gleichen Herzlichkeit begegnen. Damit sollen aber die Probleme nicht verkleistert werden: Nüchtern betrachtet und nicht vom „Erfolg-um-jeden-Preis-Gen“ infiziert, kommt man sehr schnell zu dem Schluß, daß gerade die Olympischen Spiele ihren Zenit überschritten haben. Sie sind zu groß, zu korrupt und viel zu teuer.

Außerdem geht es kaum noch um sportliche Märchen; davon träumen allenfalls ein paar „saubere“ Athleten. Stattdessen geht es um Unternehmen, die Geld verdienen wollen, um Funktionäre und Agenten, die Abmachungen treffen, sowie um Werbeverträge für reiche Sportler, die Olympia als Möglichkeit zu sehen, noch reicher zu werden.

Olympia steht am Abgrund

Die Grundidee des sportlich fairen Wettbewerbs wird von Funktionären ad absurdum geführt, zugunsten der Profitmaximierung. Es geht um groß angelegten, systematischen Betrug im Sport. Um nicht weniger als die Rest-Glaubwürdigkeit des Spitzensports. Der „saubere“ Athlet tritt im IOC-Zirkus mit einer Pappnase auf. Der faule Zauber ist längst enttarnt, wie das Beispiel Bach beweist:

Olympische Ehre – den „Bach“ runter

Es zeigt sich leider, daß heute der Weg zum Sieg nur über systematischen Betrug möglich zu sein scheint. Seitdem die Öffentlichkeit mitbekommen hat, daß das IOC sich scheut, offenbar vom russischen Staat gefördertes Doping zu bestrafen, schwindet auch der allgemeine Glaube an einen sportlich fairen Wettbewerb. Deshalb ist es umso grotesker und absolut skandalös, daß das Internationale Olympische Komitee – unter deutscher Führung – es nicht geschafft hat, in diesem offensichtlichen Skandal hart durchzugreifen.

Die Entscheidung des IOC sorgte für einen Aufschrei in der Sportwelt: Ein Dopingsystem, das den Anti-Doping-Kampf lächerlich macht – und die Top-Funktionäre entscheiden sich gegen die härtest mögliche Strafe? Ein Skandal, findet der deutsche Diskuswerfer Robert Harting:

„Es geht eigentlich schon nicht mehr mit rechten Dingen zu. Das IOC kann ja auch mit dem Discovery Channel einen 2,3-Milliarden-Vertrag unterschreiben, das können sie auch für sich beurteilen und können sofort machen. Bloß, wenn es jetzt um die Integrität des sauberen Sports geht, da können sie dann plötzlich nichts mehr entscheiden.“

„Das ist also ein menschlich so niedriges Zeichen, daß ich einfach mich geschüttelt habe“,sagte Hans Wilhelm Gäb, der einst als „das Gewissen des deutschen Sports“ beschrieben wurde. Der ehemalige Tischtennis-Nationalspieler kennt die Funktionärsetagen selbst gut; er saß unter anderem im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees. Heute ist Gäb, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Stiftung Deutsche Sporthilfe sowie Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes und unter anderem Gründer des Vereins „Kinderhilfe Organtransplantation“. Über die Entscheidung des IOC war er so erbost, daß er aus Protest seinen olympischen Orden zurückgab. Der DLF zitiert:

„Wie will das IOC in Zukunft noch glaubwürdig etwas mit der viel gepriesenen Null-Toleranz-Politik bekämpfen, wenn die ganze Welt hier gesehen hat, daß die Funktionärsschicht auf staatlicher Basis Kriminalität gedeckt hat und Kriminalität herbeigeführt hat, um sportlichen Erfolg zu erringen? Wie will man hier noch glaubwürdig den Anti-Doping-Kampf führen?“

Verantwortlichkeiten abschieben

Der Fall Russland steht nicht alleine auf der Weltkarte des Dopings. Doch an diesem extremen und gut dokumentierten Beispiel läßt sich exemplarisch die Anti-Doping-Politik des IOC erkennen: Verantwortlichkeiten abschieben. IOC-Präsident Thomas Bach betonte in den letzten Tagen stets, daß nicht das IOC, sondern die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA Schuld an der Misere sei. Diese habe nicht schnell genug gehandelt und müsse ihr Kontrollsystem komplett überdenken. Was Bach verschweigt: Der Anti-Dopingkampf des Sports ist keinesfalls unabhängig. Für Sportphilosoph Volker Schürmann, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln forscht und lehrt, ist das eines der Grundprobleme des organisierten Sports:

„Das Selbstbild und die Struktur des Sports ist genau die, daß sie sich als Familie begreifen und daß sie eben diese Idee der Gewaltenteilung nicht kennen. Diejenigen, die das kontrollieren, sind die gleichen wie die, die darüber entscheiden. Und das an dieser Struktur ist völlig unzeitgemäß. Und so lange das der Fall ist, wird es dieses Glaubwürdigkeitsproblem eingebaut geben.“

Eine Hand wäscht die andere

Abhängigkeiten, Netzwerke. Die Welt des Sports wird in Hinterzimmern regiert. Werte oder Haltung, alles scheint wandelbar, austauschbar. Beobachten lässt sich das (neben Bach) auch am Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann. Hörmann forderte noch bis vor kurzem drakonische Maßnahmen gegen den russischen Sport. Jetzt applaudiert er mit am lautesten für die Entscheidung des IOC, Russlands Athleten nicht komplett auszuschließen.

Für den Ehrenvorsitzenden der Deutschen Sporthilfe, den schon zitierten Hans-Wilhelm Gäb, sind solche Kehrtwenden unerklärlich: „Ich denke, der Herr Hörmann ist ein gutwollender und gutwilliger und auch fähiger Mann. Aber umso enttäuschter sind viele Menschen, daß er in Kerndingen, wie hier im IOC-Fall, auf einen Kurs geht, der mit Sicherheit von seiner Basis nicht gedeckt wird und nicht unterstützt wird. Wenn ein DOSB-Präsident in einer so kritischen Phase gegen die Meinung seiner eigenen Athleten sich durchsetzt und so handelt, dann ist auch hier ein Glaubwürdigkeitsproblem gegeben.“

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat der Spitzensport hierzulande seit längerem. Die Dopingskandale und entrückten Funktionäre kosteten Hörmanns DOSB schon den Rückhalt der Hamburger Bürger für eine Olympiabewerbung. Festgehalten wird an einer Neustrukturierung der Spitzensportförderung (siehe weiter unten).

Das Produkt Olympia dennoch hochbegehrt

Ein Beispiel für die Verstrickung von Entscheidern und Kontrolleuren ist der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, Craig Reedie. Der Schotte ist neben seiner WADA-Funktion IOC-Mitglied, sitzt obendrein im IOC- Entscheidungsgremium, dem Executive Board. Hier wird der Konflikt in Persona deutlich: Die vorgeblichen Anti-Doping-Kämpfer müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass dem IOC sein wichtigstes Produkt, die schönen und teuer vermarktbaren Hochglanzbilder der Olympischen Spiele, nicht ausgehen. Denn die sind Milliarden wert.

Und das Produkt Olympia ist derzeit so begehrt wie nie. Im aktuellen Vier-Jahres-Zyklus rechnet das IOC mit 5,6 Milliarden Euro an Umsatz. In den ersten zweieinhalb Jahren als IOC-Präsident unterschrieb Thomas Bach Fernseh- und Sponsoring-Verträge in zweistelliger Milliardenhöhe. Das verschaffte ihm im IOC Anerkennung. Die finanzielle Zukunft des Ringe-Konzerns ist rosig.

Olympia hat in Gestalt seines deutschen Präsidenten Thomas Bach gerade nicht den Eindruck erweckt, daß es alles, aber auch wirklich alles gegen die Drogen im Sport tun will.

Somit ging der olympische Geist sozusagen den „Bach“ runter. Wie lange wollen wir Zeugen eines Zirkus sein, bei dem man nicht weiß, ob wieder ´mal unter denselben Voraussetzungen um Medaillen gekämpft wird? So viel Ehrlichkeit wäre nötig.

Neben Dopingsündern geraten aber auch zunehmend Medien, Politik und Funktionäre in das öffentliche Blickfeld. Sie alle üben Druck auf Athleten aus, Medaillen zu holen. Gerade medial wird der Druck zusätzlich erhöht, aber auch durch das Bundesinnenministerium, das stets betone, Medaillen seien das Wichtigste. Es geht letztlich um Medaillen, und nur darum. Ab Platz vier zählt nichts, kommt zwar noch in die Nationenwertung, aber es geht eben darum, Bronze, Silber oder Gold zu holen.

Da hört man dann schon öfter mal, besonders auch über die sozialen Netzwerke, daß man vielleicht doch nur Sportarten sponsern oder finanziell unterstützen sollte, die auch wirklich medaillenfähig sind. Leider kriegt man das auch von Sport-Funktionären zu hören, was nicht unbedingt der Rückenwind ist, den die Athleten brauchen.

Wobei auch ein hohes Maß an Scheinheiligkeit mitspielt: Gerade Funktionäre, Politiker und Medienvertreter behaupten gerne, der Zuschauer wolle (nur) erfolgreiche deutsche Sportler sehen. Es handele sich schließlich um Steuergelder, mit denen die Athleten unterstützt und finanziert würden. Damit erhält der schon erwähnte olympische Geist einen weiteren Dolchstoß.

Medaillen, Medaillen… – die olympische Todesspirale

Und so steuert auch die Politik mit aller Kraft auf (nur) ein Ziel zu: Mehr Medaillen, gefordert von Bundesinnenminister Thomas de Maizière persönlich: „Das Bundesinnenministerium ist das Ministerium für Spitzensportförderung, nicht für den Breitensport. Und dafür gibt es auch schon jetzt Vereinbarungen mit den Verbänden, es gibt Erfolgskriterien. Gleichwohl sehen wir, dass wir bei dem ungefähr gleichen Geldansatz oder sogar erhöhtem Geldansatz in der internationalen Spitze schlechter werden. Und deswegen haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund verabredet, dass wir eine Reform der Spitzensportförderung vornehmen. Wir wollen besser werden.“

Ein Drittel mehr Medaillen als bei den Spielen in London 2012 sollen es in Zukunft sein. Das Medaillenzählen ist zum Lieblingssport von Funktionären und Sportpolitikern geworden. Und so dreht sich das Karussell, die olympische Todesspirale: Doping, Leistung, Erfolg. Das System Spitzensport krankt von innen heraus. Durch die aufgedeckten Skandale in den Funktionärsetagen liegt es offener da denn je. Eine Last auch für die inszenierte Unbeschwertheit Olympischer Spiele.

Kein Olympischer Friede

Und ein weiterer Aspekt gehört hinzu: Die Olympischen Spiele heute wirken beinahe anstößig und deplatziert in dieser Zeit der weltweit zunehmenden Gewalt. Seit den Ereignissen im Bataclan, in Nizza, den mörderischen Aktionen des islamischen Dschihad, den Kriegen in Syrien, im Irak, in Libyen, hat man nicht mehr wirklich Kopf und Herz frei für solche Dinge. Fazit:

Der Olympische Friede ist vergangen.

(Quelle: conservo.wordpress.com. Mit freundlicher Genehmigung von Peter Helmes)

 

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